Vor mehr als dreißig Jahren ging er erstmals in den Dschungel, um ein brasilianisches Urvolk zum christlichen Glauben zu bekehren. Doch die Indianer bekehrten Daniel Everett.
Von Lisa Becker
(…) Everett ist Professor für Linguistik. Doch forscht er nicht nur am Schreibtisch: Neun der vergangenen dreißig Jahre hat er im südamerikanischen Dschungel verbracht und dort die Sprache und das Leben indianischer Urvölker untersucht. Die meiste Zeit, acht Jahre, hat er bei den brasilianischen Pirah gelebt. Sie siedeln im Amazonasgebiet entlang des Flusses Maici; derzeit sind es siebenhundert. Was Everett dort lernte und erfuhr, hat sein Leben kräftig durcheinandergewirbelt (…).
Im Jahr 1977 – Everett war inzwischen auch Missionar geworden und außerdem Doktorand an einer brasilianischen Universität – gingen er, Keren und ihre drei Kinder in den Dschungel. Sie wollten die Pirah zum christlichen Glauben bekehren. Everett sollte außerdem ihre Sprache erlernen, aus wissenschaftlichen und aus religiösen Gründen: Er sollte die Bibel in die Sprache der Indianer übersetzen.
„Der schönste Platz auf der Welt“
Er habe keine Angst vor dem Leben im Dschungel gehabt, erzählt Everett heute – obwohl es keine Möglichkeiten gab, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Everett dachte damals noch, Gott würde mit ihnen sein. (…) So groß seine Fortschritte im Erforschen der Sprache der Indianer waren, so wenig gelang es ihm, die Pirah von Gott zu überzeugen. Er konnte keinen einzigen konvertieren. Heute weiß er schon fast nicht mehr, warum er es jemals versucht hat. „Hast du Jesus gesehen?“ fragten sie ihn. Wenn er das verneinte, war die Sache für sie erledigt.
Everett beschreibt die Pirahs als ein Volk, das vollständig in der Gegenwart lebt. Für sie existiere nur, was in ihrem unmittelbaren Erfahrungsbereich liege. Zukunftssorgen kennten sie deshalb ebenso wenig wie Reue über vergangene Ereignisse. Und das mache sie unglaublich zufrieden, erklärt Everett. Einige Psychologen haben sie schon zum glücklichsten Volk der Erde gekürt.(,,,)
Keine Angst vor dem Tod
Was Everett nicht mehr losließ, war die Beobachtung, dass die Indianer so zufrieden sind, keine Angst vor dem Tod haben und dennoch nicht an Gott glauben. Langsam reifte in ihm die Überzeugung, dass Gott eine Wunschvorstellung sein müsse. Weil er nicht wagte, seiner hochreligiösen Familie davon zu erzählen, behielt er diese Erkenntnis mehr als fünfzehn Jahre für sich. Als er vor sechs Jahren nicht mehr anders konnte und Keren und seinen erwachsenen Kindern gestand, Atheist zu sein, trat ein, was er befürchtet hatte. „Keren gab mir ihren Ehering zurück.“ Und seine Kinder haben nicht mehr mit ihm gesprochen. Langsam finden er und seine Kinder wieder zusammen. „Ich liebe sie, sie lieben mich, es wird vorbeigehen“, sagt Everett. (…)
» Weiterlesen im Originalartikel…
quelle: faz.net



























